I Einleitung

In meiner täglichen Arbeit als Physiotherapeut und Taijiquan-Lehrer treffe ich oft auf Menschen die viele Beschwerden der Wirbelsäule haben aber mit Taijiquantraining eigentlich nichts zu tun haben wollen oder nicht bereit sind relativ viel Zeit für diese Technik aufzuwenden um ihre Beschwerden in den Griff zu bekommen.

Deshalb möchte ich eine art Brücke schlagen zwischen Taijiquan als gesundheitserhaltene Praxis und dem Menschen, der nicht so viel mit den Praktiken zu tun hat, und normal geschäftig durch das Leben geht.

 

II Erfahrungsbericht

Vor ein paar Jahren als ich vom Taiji Unterricht nach Hause kam und kurz im Hinterhof das gelernte nochmals wiederholte (Stockform) sah ich wie die Nachbarin aus ihrem Fenster mich beobachtete. Nach ein paar Tagen später begegnete ich Ihr auf der Straße. Wie immer grüßte ich sie freundlich. Sie aber sagte kein Wort, schaute auf die Seite und lief an mir vorbei.
Zuerst wusste ich gar nicht was eigentlich los war, bis mir wieder einfiel , dass die Frau mich vor einiger Zeit beim Training beobachtet hatte. So oder so ähnliche Erfahrungen gab oder gibt es immer wieder. Alles Fremde oder ungewöhnliche erzeugt bei manchen Menschen vielleicht Ängste oder nur ein müdes Lächeln. Für mich ist das Ok, trotzdem werden durch solche Vorurteile der Nutzen des Trainings nicht erkannt bzw. nicht verstanden. Was ich letztendlich schade finde und mir gedacht habe , dass es möglich sein müsste die Vorzüge in abgespeckter Form des Taijiquan an die Leute zu tragen, die über viele Jahre sehr viele Schmerzen und Operationen ertragen müssen, obwohl es durch einfache Korrekturen möglich ist, große Schäden der Wirbelsäule abzuwenden oder bestehende Beschwerden zu lindern oder sogar zu beseitigen.

 

III Die aufrechte Haltung

Zu einer meiner größten Anliegen ist die Aufrechte bzw. die optimale statisch entspannteste Haltung für jedes Individuum herauszufinden und zu erarbeiten.

IV Allgemeine Betrachtung

Eine statisch optimierte Haltung ist Voraussetzung für Bewegungsqualität und Gesundheit. Durch eine aufrechte Köperhaltung können Muskulaturen, Nerven und Organe optimal zusammen arbeiten. Sie schützt nicht nur vor Rückenschmerzen und Gelenksbeschwerden, sondern bildet auch die Basis für ein gutes Gleichgewicht und ist somit das A und O für die Gesunderhaltung, Kraftentwicklung und Kraftaufnahme.
Die Körperhaltung wird in erster Linie durch das Zusammenspiel von Organen, Muskelfascien, Muskulatur und Nervensystem erreicht. Sind Muskelfascien und Muskeln funktionell verkürzt, ziehen Sie knöcherne Strukturen aus dem Lot. Hierbei spielen auch Operationsnarben im Unterbauch wie zB. Blindarmnarben, Narben nach Leistenbrüche und Nabelbrüche, Kaiserschnittnarben etc. gerade wenn diese über längeren Zeiträume bestehen, eine große Rolle. Beckenschiefstände, Beinlängendifferenzen, Rundrücken, hängende oder hochgezogene Schultern und ähnliche Fehlhaltungen können die Folge sein.
Weiterhin ist bei einer statisch optimierten Haltung eine ungehinderte Blutzirkulation möglich und somit ist der Chi-Fluß der am arteriellen und venösen Blutfluss gekoppelt ist, frei zirkulierend. Das heißt der ganze Organismus ist optimal eingestellt und kann somit seine an ihm geforderten Aufgaben bestmöglichst erfüllen.

Ungehinderter Blut- und Chifluß ist
deutlich erkennbar. Die Zirkulation kann
ungehindert vonstatten gehen.  Somit ge-
langt das Blut (Sauerstoff ) ungehindert
in jede Zelle. Die Sogwirkung des Herzens,
die Klappenwirkung der Venen und die
Pumpwirkung des Wadenmuskels bleibt
erhalten. Die Organe werden in ihrem
Raum (Brustkorb) nicht komprimiert und
Bleiben an ihrer Bandaufhängung
(vergleichbar wie ein Mobile) frei beweg-
lich. Ihre eigene Funktion und die Ver-
bindung einander ist gewährleistet.
Sauerstoff (das wichtigste zum Leben)
kann, da die Lunge nicht ge-
drückt ist, besser in den Körper gelangen.
Der Stoffwechsel wird verbessert und
Nährstoffe gelangen besser zu den Zellen.

         

Die Blutzirkulation kann nicht ungehindert
vonstatten gehen. Der Blutfluß wird vor
allem im Beckenbereich gebremst, weil es
zu einer Komprimierung der Gefäße
kommt. Somit staut sich das Blut nach
unten, Krampfadern, Verlust der Pump-
wirkung des Wadenmuskels können die
Folge sein. Wenn der Brustkorb nach oben
gezogen ist, wird der Platz für die Organe
weniger. Bleibt dieser Zustand über
längere Zeit erhalten, kommt es zu einer
Stresssituation der Organe. Funktion und
eigene Bewegung der Organe (von Lunge,
Herz, Leber) werden beeinträchtigt.
Weniger Sauerstoff kann von den Lungen
aufgenommen werden. Die Durchblutung
für die Organe wird verringert.

 

Die Muskulatur kann, da sie in Muskel-
schlingen arbeitet, die Balance des Körpers
optimal erhalten und halten die Knochen-
struktur im Lot. Die Knochen, Gelenke und
Wirbelsäule werden gleichmäßig belastet.
Nerven können ungehindert aus der Wirbel-
säule austreten und werden in ihrem Ver-
lauf in der Peripherie nicht gestört.

 

 

 

 

 

         Die Muskulaturen kommen in Dysbalance
das heißt, sie verkürzen bzw. verlängern
sich und schwächen sich in ihrer
Funktion ab. Statisch ungünstige Zug-
verhältnisse entstehen und bringen den
Körper, die Knochenstruktur aus dem
Lot. Somit entstehen punktuelle Be-
lastungen für Knochen, Gelenke,
Wirbelsäule. Nerven können an der
Austrittstelle der Wirbelsäule kompri-
miert werden und in ihrer Funktion be-
einträchtigt werden. Langjährige
punktuelle Belastungen können schnell
zum Verschleiß der Gelenke, Bandschei-
be bzw. der Wirbelgelenke führen.
Chronische schmerzen sind die Folge.

 

VI Erarbeiten der aufrechten Haltung

Wenn wir also so viele negative Beeinflussungen nur durch eine Fehlhaltung unseres Körpers haben, erscheint es mir sehr sinnvoll diese Haltung zu verändern bzw. zu verbessern.
Dies kann aber nur dann geschehen, wenn wir unsere Körpergefühl und unser Körperbewusstsein auch im Alltag verändern und die Aufmerksamkeit für unsere Köperhaltung mehr Zeit zur Verfügung stellen.



Übung 1

Für diese Übung benötigen wir einen Spiegel, an dem wir den ganzen Körper betrachten können. Wir stellen uns seitlich hin und nehmen unsere gewohnte Köperhaltung ein. Danach betrachten wir unsere Körperausrichtung und fühlen welche Strukturen die meiste Belastung erfahren. Meist wird es so sein, dass das Becken nach vorne geschoben ist ( in den Beckenbändern hängend ). Der Rücken nach hinten verläuft und der Kopf wiederum nach vorne ausgleichend gestellt ist. Der Rücken, die Knie und die Fersen, erfahren eine erhöhte Belastung. Weiterhin kommt es oft vor, dass die Beine einseitige Gewichtung haben.
In dieser Stellung halten wir ein paar Minuten inne und werden unserer Haltung (Fehlhaltung) bewusster.

 

Übung 2

Jetzt nehmen wir noch einen Seil hinzu und legen es quer über den Schultergürtel, so dass das eine Ende in vertikaler Ausrichtung wie ein Lot auf einer Seite bis fast zum Boden reicht.(hängt). Das Seil sollte in Mitte Schulter (Oberarm) gelegt sein. Danach richten wir unseren Körper so aus, dass die Mitte Schulter Mitte Becken Mitte Knöchel in einer Linie identisch wie der Verlauf des Seil steht. Der Kopf sollte leicht aufgehangen in Verlängerung des Seils gebracht werden. Die Füße stehen Schulterbreit nach vorne ausgerichtet. Die Belastung der rechten und des linken Beines ist gleichmäßig verteilt. Haben wir diese Position eingenommen wird die Kraft des Körpers der Schwerkraft über die Kraftübertragungslinie (KÜL) auf die Füße projiziert. Die Füße sind jetzt gleichmäßig rechts, links vorne und hinten belastet. Die Belastung der Füße ist jetzt deutlich spürbar und ist fast wie ein Gefühl des Einrastens wahrzunehmen. Das Geweicht des Körpers wird gleichmäßig über die Wirbelsäule Hüfte Knie Füße auf den Boden gebracht, somit gehen punktuelle Belastung und Biegespannung im Körper verloren (heraus). Der Körper ist wieder in seinem Lot. Bei dieser Übung spielt das Becken eine entscheidende Rolle, da es die Kraft des Oberkörpers auf die Beine bzw. Füße bringt. Es muss meist unter die Schulter über die Knöchel in seiner Gesamtheit nach hinten gebracht werden.

Jetzt erst wenn die Ausrichtung erreicht ist und der Kopf leicht aufgehangen bleibt, kann der Brustbereich gesenkt und der Rücken nach hinten unten gelöst werden. Gleichzeitig ist eine sanfte Beckenkippung nach hinten möglich. Der Druck des Körpers verstärkt sich weiter nach unten auf die Füße. Diese Ausrichtung: Scheitel leicht aufgehangen Schulter, Hüfte, Knöchel eine Linie und die Knie locker gestreckt, ist jetzt die erarbeitete Aufrechte Haltung.
In dieser Haltung verbleiben wir für ein paar Minuten und richten uns gegebenenfalls an der Linie des Seil von Zeit zu Zeit aus.
Achtung diese neue Haltung fühlt sich, jetzt erst einmal ungewohnt, vielleicht auch nach vorne neigend an. Dies ist normal, da man sich lange in einer für sich gewohnten Fehlhaltung gefunden hat. Kontrolliert man sich jetzt aber am Seil über den Spiegel erkennt man leicht das der Körper aufrecht steht und das die Füße eine vermehrte Belastung erfahren.



Übung 3

Bei der dritten Übung handelt es sich um die Kombination von Übung 1 und 2
Man stellt sich zuerst in seiner gewohnten Fehlhaltung hin und korrigiert sich am Seil wieder aus. Kurze Zeit inne halten und das Ganze 3-5 mal wiederholen.
Der Körper und das Bewusstsein gewöhnt sich allmählich an die neue korrigierte Haltung.

 

 

Übung 4

Um die Belastung auf beide Beine (Füße) besser zu erarbeiten, stellen wir uns frontal vor einen Spiegel.
Jetzt nehmen wir unsere gewohnte Körperhaltung (Fehlhaltung) ein.
Meist wird es so sein, das ein Bein stärker belastet und das Becken nach rechts oder links seitlich verschoben ist. Reaktiv wird dadurch die rechte oder linke Schulter hochgezogen sein.
Oft ist es noch so, das ein Fuß nach außen gedreht ist.
Wir halten inne und werden unserer Körperhaltung bewusst.

 

 

Übung 5

Jetzt nehmen wir ein Seil und legen es hinten über den Schultergürtel, das beide Enden vorne am Körper auf Höhe der Schulteraxel rechts und links herunterhängen.
Füße stehen Schulterbreit parallel zueinander auf gleicher Höhe.
Danach richten wir unseren Körper so aus, das der Körperrumpf, die Außenseiten vom Becken und die Außenkanten von den Kniescheiben zwischen beiden Enden des Seils liegt.
Beide Augenpaare, die Schulter und die Hüften sollten horizontal im Raum stehen.
In dieser Haltung verbleiben wir für ein paar Minuten und richten uns gegebenenfalls an den Seilenden aus. Beide Beine (Füße) erfahren jetzt gleichmäßigere Belastung.

 

 

Übung 6

Bei der sechsten Übung handelt es sich um die Kombination von Übung 4 und 5.
Man stellt sich zuerst in seine gewohnten Körperhaltung hin und korrigiert sich an den Seilenden wieder aus.
Kurze Zeit inne halten und das ganze 3-5 mal wiederholen.
Der Körper und das Bewusstsein gewöhnen sich allmählich an die gleichmäßigere Belastung der Beine. (Füße)

 

 

Übung 7

Wenn wir uns an beide Körperebenen also: von der Seite (Sagittalebene) und von vorne (Frontalebene) ausrichten können, nehmen wir alle Hilfsmittel wieder weg und verweilen in unserer statisch optimierten aufrechten Haltung.
Diese sollte auch im Alltag angewannt werden um dauerhaft eventuelle Beschwerden entgegen zu wirken.
Somit kann diese Übung abschließend auch als Einstieg in ein tieferes Verständnis der Bewegungslehre des Taijiquans begriffen werden.